03.11.2007
Ungeduldig haben wir auf die kantonale Jagdstatistik des vergangenen Jahres gewartet. Warum? Weil seit 2006 neue Richtlinien für die Gamsjagd gelten, wodurch die bisher stark verzerrten Jagdstrecken ausgeglichen werden sollte. Das Resultat ist erfreulich: Die getroffenen Massnahmen greifen bereits im ersten Jahr!
Verschiedentlich hat fauna•vs in der Vergangenheit die Art und Weise, wie im Wallis die Gamsjagd betrieben wurde, kritisiert. Aber auch viele Jäger stiessen sich an demselben Missstand, nämlich dass die Jagd zu stark auf die starken Böcke ausgerichtet war. Dadurch wurden diese nicht nur immer seltener, sondern der Reproduktionserfolg der gesamten Population war in Frage gestellt. Denn die unerfahrenen jungen Böcke, welche nun das Brunftgeschehen dominierten, verloren sich oft in endlosen Rangkämpfen. Die Trophäen alter Böcke wurden in der Folge immer seltener, sehr zum Leidwesen der Jäger. Das Jagdsystem produzierte also ein Eigentor für die Jäger.

Mittlere Altersklassen schonen
Ein optimales Jagdregime sollte darauf abzielen, einen Drittel der Jährlinge (Jungtiere im 2. Jahr) zu erlegen. Die mittleren Altersklassen sollten geschont werden. Sie stellen ein grosses Potential für die Fortpflanzung dar und erhöhen gleichzeitig den Druck auf sehr alte Tiere. Zwar hatte man im Fünfjahresplan 2001-2005 die Überbejagung der Böcke bereits erkannt, die vorgeschlagenen Massnehmen waren aber ungenügend um die 3-6-jährigen Böcke zu schützen.

Fünfjahresplan 2006-2010
Um den Missständen Herr zu werden, hat die kantonale Jagdverwaltung für den Fünfjahresplan 2006-2010 Folgendes vorgeschlagen und auch umgesetzt:

• Eine stärkere Bejagung der Jährlinge, so dass sie mindestens 20% der Jagdstrecke ausmachen. Die Wintermortalität ist bei diesen Tieren hoch, sodass man mit der kompensatorischen Mortalität spielen kann und trotzdem ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis einhält (gleich viele Böcke wie Geissen).
• Anstreben eines ausgewogenen Geschlechterverhältnisses auch bei der Gesamtpopulation, indem die Böcke mit mehr als 2,5 Jahren weniger stark, die Geissen hingegen etwas stärker bejagt werden.

Bock, Geiss, Jährling
Um dies zu erreichen, hatte 2006 jeder Jäger das Recht, einen Bock, eine Geiss und einen Jährling zu schiessen (Reihenfolge egal). Falls der Jährling weniger als 14 kg wog oder die Krickellänge 13 cm nicht überstieg oder die Geiss älter als 13 Jahre alt war, erhielt der Jäger eine zusätzliche Gämse (Bock, Geiss, weiblicher Jährling) zum Abschuss frei. Falls aber der Bockjährlich über 17 kg wog oder eine Krickellänge von über 16 cm hatte, verlor der Jäger sein Bockkontingent. Falls der Bock bereits geschossen wurde, musste der Jäger den Jährling zum Pauschalbetrag von 180 Franken bezahlen.

2006: Erfreuliches Bild
Die Jagdstatistik 2006 zeigt ein erfreuliches Bild und belegt, dass die neuen Massnahmen greifen. Es wurden wesentlich mehr Jährlinge erlegt (24.7% gegenüber 17% 2005), wobei das Geschlechterverhältnis ausgewogen war und vor allem schwächere Tiere geschossen wurden. Der Jagddruck auf die Böcke mittleren Alters (2.5 +) hat entschieden abgenommen (insgesamt minus 8%), wodurch man 200 Böcke stehen liess – und dies war ja das Ziel der Übung. Noch nicht ideal ist das Geschlechterverhältnis der geschossenen Tiere, welche älter als 2.5 Jahre sind. Hier werden immer noch wesentlich mehr Böcke als Geissen geschossen (1:0.57). Dass das Geschlechterverhältnis über die ganze Population trotzdem ausgeglichener ist, hängt damit zusammen, dass bei den Jährlingen mehr Geissen geschossen wurden.

Kommende Jahre beobachten
Um sicher zu sein, dass sich dieser Trend fortsetzt, muss man die Jagdstrecken der kommenden Jahre abwarten und analysieren. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Walliser Jagd einen guten Weg eingeschlagen hat. Der nächste Schritt ist nun, herauszufinden welche Jagdplanung für die Gämse sowohl unter jagdlichen wie biologischen Gesichtspunkten optimal wäre. Dazu müsste man demografische Modelle entwickeln. Auf jeden Fall dürfen sowohl Jäger als auch Naturliebhaber dürfen also hoffen, dass man im Wallis in Zukunft wieder vermehrt schöne Gams-Trophäen antrifft!

Charlotte Salamin und Raphaël Arlettaz