01.02.2006
Zusammenfassung eines Artikels von Gregor Klaus in der NZZ vom 14. September 2005.

Oft wird die Ausdehnung des Maisanbaus in Europa pauschal als Ursache für die Zunahme und die Ausdehnung der Wildschweinbestände angesehen. Genauere Daten hierzu fehlten aber bis vor kurzem. Nun haben Hannes Geisser vom Naturmuseum in Frauenfeld und Heinz-Ulrich Reyer vom Zologischen Institut der Universität Zürich anhand von Jagdstatistiken, Daten zu Verkehrsunfällen mit Wildschweinen und Schäden in der Landwirtschaft für den Kanton Thurgau über einen Zeitraum von 25 Jahren den jährlichen Bestand an Wildschweinen geschätzt und anschliessend mit mehreren sich verändernden Umweltfaktoren verglichen.

Dabei zeigte sich, dass der Maisanbau weder der einzige, noch der wichtigste Faktor für die Zunahme der Art ist. Vielmehr scheinen die immer häufiger auftretenden, so genannten Mastjahre mit besonders vielen Bucheckern und Eicheln in den Wäldern die Vermehrung der Wildschweine angekurbelt zu haben. Denn bei einem guten Futterangebot neigt die Art zu einer erstaunlich schnellen Vermehrung. So bekommen in einem guten Mastjahr bis zu 90% der Bachen Junge, verglichen mit 20 bis 30% in normalen Jahren. Warum die Mastjahre in immer kürzeren Zeitabständen auftreten, weiss man noch nicht mit Bestimmtheit. Ein Zusammenhang mit der Klimaerwärmung scheint aber als wahrscheinlich.

Temperaturen im Frühling und Winter
Dennoch konnte ein direkter Zusammenhang zwischen klimatischen Verhältnissen und den Wildschwein-Populationen hergestellt werden. Die ausgewerteten Temperaturdaten des Kantons Thurgau zeigen, dass die durchschnittlichen Frühjahrs- und Wintertemperaturen über die betrachteten 25 Jahre deutlich angestiegen sind. Parallel dazu explodierte der Wildschweinbestand. Mit zunehmender Klimaerwärmung könnte sich die Wildschweinproblematik also verschärfen, denn die Temperaturen im Winter und Frühling beeinflussen vor allem die Sterblichkeit der Frischlinge. In nassen und kalten Wintern kann diese bis zu 90% betragen.

Jagd am wirkungsvollsten
Der Einfluss der Maiskulturen auf die Wildschweine hingegen war im Kanton Thurgau deutlich geringer. Dies überrascht insofern nicht, als dass Mais den Wildschweinen nur während wenigen Wochen im Jahr als Nahrungsquelle zur Verfügung steht. Eine solch befristete Nahrungsressource kann bei einem ausgesprochenen Allesfresser wie dem Wildschwein kaum für den Bestand entscheidend sein.

Untersucht wurde von denselben Autoren auch, wie wirksam die verschiedenen Methoden der Schadensverhütung im Kanton Thurgau sind. Die Resultate waren ernüchternd. Das Einzäunen von Ackerflächen hält die Wildschweine laut der Studie zwar von einzelnen, gut geschützten Gebieten ab. Weil die Tiere aber ihre Raubzüge dann kurzerhand in andere Gebiete verlegen, ist diese Massnahme für eine grossflächige Schadensverhütung wirkungslos. Im Kanton Thurgau wurden denn auch nach dem Vorliegen dieser Resultate die bisher gewährten Subventionen für das Erstellen von Zäunen gekürzt. Auch die Anzahl der stark umstrittenen Ablenkungsfütterungen pro Jagdgebiet hatte keinen Einfluss auf die Höhe der Schäden. Erstaunlicherweise fanden sich im September und Oktober, wenn diese Fütterungen ihre grösste Wirkung erzielen sollten, nur wenige Tiere an den künstlichen Futterstellen ein. Als beste Schadensverhütung stellte sich die Jagd heraus. Je mehr Wildschweine erlegt wurden, desto geringer waren die Schäden in der Landwirtschaft.

Dass die Jagd Schäden verhindern kann, geht auch aus der eidgenössischen Jagdstatistik hervor: Dank einer verkürzten Schonzeit wurden im Jahr 2004 deutlich mehr Wildscheine erlegt als im Jahr zuvor. Gleichzeitig wurden deutlich weniger Schäden in den landwirtschaftlichen Kulturen festgestellt. Natürlich muss bei der Jagd unter anderem darauf geachtet werden, dass keine führenden Bachen geschossen werden, weil ansonsten die gut organisierte Rotte zur «marodierenden Bande» verkommen kann und die anderen Bachen bereits im ersten Lebensjahr fortpflanzungsfähig werden können – statt wie üblich im 2. oder 3. Lebensjahr (vergleiche auch fauna.vs info Nr. 4/2002).

Quellen:

Geisser, H. & Reyer, H.-U. (2005) The influence of food and temperature on population density of wild boar Sus scrofa in the Thurgau (Switzerland). Journal of Zoology 267:89-96.

Geisser, H. & Reyer, H.-U. (2004) The influence of hunting, feeding and fencing to reduce crop damage by wild boars. Journal of Wildlife Management 68:939-946.