29.01.2006
Der Bär ist nach 82 Jahren Abwesenheit wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Momentan wird er wohl seine wohlverdiente Winterruhe geniessen. Zeit genug also für einen Rückblick aus journalistischer, zoologischer und touristischer Sicht.
 

Ereignis mit Ansage

Bereits 2004 wird in der Informationszeitschrift (Nr. 2) des KORA (Koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere in der Schweiz) auf den Bärennachwuchs im Trentino und in den Pyrenäen hingewiesen. Unter anderem werden auch die beiden Jungtiere der Bärin Jurka erwähnt. Im Januar 2005 veröffentlicht der WWF eine Studie zu geeigneten Lebensräumen, Wanderrouten und Auswirkungen einer möglichen Rückkehr des Braunbären in die Schweiz. Darin wird bemerkt, dass der Bär schon nächstens in die Schweiz zurückkehren könnte – voraussichtlich in den Kanton Graubünden im Bereich des Nationalparks. Ins gleiche Horn stösst Anfangs April eine Pressemitteilung des KORA. Als es dann am 25. Juli Wanderer behaupteten, sie hätten am Ofenpass einen Bären beobachtet, war man sich in Fachkreisen darüber einig, dass diese Beobachtung echt sein könnte. Letzte Zweifel wurden dann am 28. Juli um exakt 7 Uhr 08 durch ein Photo ausgeräumt, welches, wenn nicht um die Welt, so doch durch den Schweizer Blätterwald ging. 

Journalistenfutter 

Medientechnisch kam der Bär genau zur rechten Zeit, will heissen im Sommerloch. Die in den Sommermonaten brachliegenden journalistischen Potenziale stürzten sich denn auch umgehend auf die «Bärengeschichten» und erzeugten einen Medienrummel sondergleichen. Fast kein Tag verging, an dem wir nicht mit Neuigkeiten versorgt wurden. Als Höhepunkte der Berichterstattung seien der Riss eines Kalbs (2.8.) sowie die DNS Analyse erwähnt (14.8), welche den männlichen Bären als Jungtier der eingangs erwähnten Jurka identifizierte. Erstaunlich war in dieser nationalen Bären-Hysterie einzig, dass die ewig gleichen Raubtier-Gegner sich nicht zu Wort meldeten und die üblichen Phrasen von sich gaben (Aussetzungs-Theorien, Gefahr der Viehhaltung, des Tourismus, der Jagd etc.). 

Zoologische Fakten kontra Märchenwelt 

Erschreckend war aus der Sicht des Wildbiologen, wie die Besucher des Nationalparks auf den Bären reagierten. Gleich in Scharen strömten sie heran – was ja eigentlich lobenswert ist und aufzeigt, dass sie sich für unsere Fauna interessieren. Wenn man aber die Pressebilder anschaut, stehen einem die Haare zu Berge: Personen, die das Glück hatten, den Sohlengänger zu Gesicht zu bekommen, waren damit bei Weitem nicht zufrieden, sondern näherten sich diesem mit zumeist völlig unzureichender Optik an! Wer je gesehen hat, wie schnell Bären auf kurze Distanz sein können, würde solcherlei wohl tunlichst unterlassen. Es soll hier nicht Wasser auf die Mühlen derjenigen gegossen werden, die alle Raubtier als äusserst gefährlich für den Menschen einschätzen. Aber einem Bären sollte man gleich wie allen anderen Wildtieren (ob Raubtier oder nicht) begegnen: mit dem gebührenden Respekt. Es ist also ratsam, weder in Angst und Panik zu verfallen, noch zu meinen, es handle sich hier um ein so genanntes Jöö-Tierchen. Was für ein Unterschied zum Umgang mit dem Wolf! Gibt es beim Mitteleuropäischen Wolf seit Jahrzehnten keine gesicherten Hinweise auf Übergriffe auf Menschen, weiss man beim Bären, dass es zu Zwischenfällen kommen kann. In breiten Bevölkerungsschichten scheint der mit viel Sympathie versehene Bär also ein Image als gutmütig und ungefährlich zu geniessen. Hier scheint der Teddy-Bär Bonus voll durchzuschlagen. Ist dies darauf zurückzuführen, dass wir bei ihm keine Mimik erkennen und so meinen, er sei immer «guter Laune»? Dies im Gegensatz zum Wolf, der Knurren oder die Zähne fletschen kann und uns somit im Voraus warnt? Es scheint also wirklich so zu sein, dass ein Grossteil der Bevölkerung unseres Landes die zoologische Wirklichkeit mit den Büchern verwechselt, welche wir alle als Kinder gelesen haben.  

Touristischer Mehrwert 

Vielleicht war es ja gerade auch diese positive Grundeinstellung breiter Bevölkerungsschichten, welche dazu führten, dass der Bär eigentlich landauf landab willkommen geheissen wurde. Damit aber nicht genug: im Zusammenhang mit dem Münstertal sprach man davon, dass der Bär gar ein goldenes Ei gelegt habe. Das Gebiet, das sich als Biosphärenreservat bewirbt, hat bereits in diesem Sommer wirtschaftlich vom Besuch des Bären profitiert. Durchschnittlich zählt man dort im Sommer rund 80'000 Übernachtungen, im Winter deren 30'000. Diese Zahlen lassen sich aber durchaus noch steigern. Nach Auskunft eines Wirts in Tschierv waren die Hotels zur «Bärenezeit» jedoch zu 100% ausgebucht. Er selber musste für mindestens 150 zusätzlichen Übernachtungen Zimmer im Dorf mieten. Ausserdem erfreute er sich jeden Abend an einem gerammelt vollen Gasthaus.Da erinnert man sich doch mit etwas Wehmut an die vielen Walliser Exponenten zurück, welche voraussagten, dass die Anwesenheit des Wolfs zu massenhaften Absagen und Abreisen führen würde. Hat man hier wohl aus Unwissenheit ein Chance, ein Geschäft verpasst? Oder sind die Bündner schlicht und einfach die besseren Kommunikatoren und Touristiker als wir Walliser? Viele Fragen und Ungereimtheiten, welche den Bär in seinem momentanen Winterschlaf wohl wenig kümmern werden. Aber das nächste Sommerloch und/oder der nächste Bär kommen bestimmt. Wir warten gespannt auf die Fortsetzung dieser Geschichten. 

Peter Oggier